Leseprobe
Der nächste Wechsel
Eine neue Mitbewohnerin zog zu uns ins Frauenhaus. Ihr Name war Tamara, Mitte 40, mit 13-jähriger Tochter und einem kleinen Sohn. Sie war eine Südländerin mit entsprechendem Temperament, ebenso wie ihre Tochter, die in einem sehr schwierigen Alter war. Ihre Mutter hatte es sicher nicht leicht mit einem Teenager, der alles besser wusste.
Meine Jungs waren natürlich sofort von dem Mädchen begeistert. Gerade mein Jüngster, der meiner Meinung nach schon zu viele Mädchen im Kopf hatte, mehr als die Schule, schloss sofort Freundschaft mit ihr. Wobei sie mit 13 als Ältere meistens das Sagen hatte, da mein Sohn gerade mal 8 Jahre alt war.
Tamara landete im Frauenhaus, weil ihr Mann immer wieder Affären begann und Alkoholiker war. Die meisten von uns kommen nicht freiwillig hierher, sondern haben häufig eine regelrechte Tyrannei hinter sich und „fliehen“ regelrecht vor ihren Männern.
Frauenhäuser sind unauffällige Gebäude und keinesfalls von außen erkennbar, welche Menschen darin leben. Es sind streng geheim gehaltene Zufluchtsstätten, in die man nur unter „bestimmten Voraussetzungen“ kommt. Von außen sind es ganz normale (Reihen-)Häuser.
Selbst ich wusste damals nicht, wo wir wohnen, was man auch nicht am Telefon erfährt, sondern erst in dem Moment, wenn man mit seinen Sachen ankommt.
Mit Tamara und deren Kindern verstand ich mich recht gut, da ich in den letzten Wochen gelernt hatte, das Beste aus meiner Situation zu machen. Schließlich mussten wir für unbestimmte Zeit miteinander auf engstem Raum zusammenleben.
Für mich war dies eine große Herausforderung, da ich in der Vergangenheit sehr zurückgezogen lebte und deswegen nie einen großen Freundeskreis oder zu vielen Leuten in meinem direkten Umfeld Kontakt pflegte. Nun musste ich lernen, mich ständig mit neuen Bewohnerinnen, die zum Teil stark nervlich belastet waren, umzugehen und mich mit ihnen zu verstehen, da wir uns ständig begegneten. Wenn es gar nicht anders ging, konnte ich mich in mein Zimmer zurückziehen, da jeder von uns noch seine eigenen Probleme hatte.